Madrid, Franziskanerkloster, II/26 – Opus 393

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Der größte Orgelbauer seiner Zeit

Madrid San Francisco el Grande, Orgel von Aristide Cavaillé-Coll 1884, Restaurierung 2006 / 2009

Die Franziskaner von Madrid besitzen eine wertvolle und komplett erhaltene Cavaillé-Coll-Orgel von 1883-84 in ihrer Kirche, die eine der schönsten und wertvollsten Kirchen der Hauptstadt Spaniens ist. Kirchenraum und Architektur, die Geschichte sowie Ausstattung und Orgel bilden ein Gesamtkunstwerk, ein künstlerisches Juwel.

Die Ursprünge des Franziskanerklosters reichen zurück bis in die Zeit des Hl. Franziskus von Assisi (1182-1226). Die Überlieferung berichtet, dass der Heilige um das Jahr 1214 nach Spanien kam, um eine Wallfahrt zum Grab des Apostels Jakobus in Compostela zu machen. Für seine Gefährten und sich baute er dabei an dieser Stelle eine einfache Behausung, die samt Kirche im Lauf der Zeiten immer weiter vergrößert und bereichert wurde.
Trotzdem wurde die alte Kirche am 31. August 1760 niedergelegt, um eine neue und noch schönere zu errichten. Als Planer und erster Bauleiter kann der Franziskaner-Pater Francisco Cabezas (1709- 1781) genannt werden. Nach sieben Jahren waren die Mauern bis zur Basis der gewaltigen Kuppel hochgezogen, als die Bauarbeiten einige Jahre wegen Unstimmigkeiten über die weitere Ausführung unterbrochen werden mussten. Unter der Leitung von Francisco Sabatini (1722-1795) wurde das Bauwerk im Jahr 1784 fertiggestellt. Die Weihe fand am 6. Dezember dieses Jahres in Anwesenheit von König Carlos III. statt.

Infolge des spanischen Säkularisationsgesetzes von 1835 wurde die Kirche 1837 in ein nationales Mausoleum umgewandelt; die Franziskaner mussten das Kloster verlassen. Schließlich kam es ab 1878 zu einer umfassenden Restaurierung und Verschönerung, deren Ergebnis wir noch heute bewundern können. Die bedeutendsten Künstler dieser Zeit wurden für die Ausgestaltung eingeladen. Für den Bau der Orgel fiel die Wahl auf den berühmten französischen Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll, der sein Werk in den Jahren 1883 und 1884 ausführte.

Die großen Restaurierungs- und Umbaumaßnahmen fanden 1889 ihren Abschluss. Die Kirche wurde wieder für die Öffentlichkeit zugänglich, und Messen wurden unter der Leitung des Collegiats der Königlichen Priester gehalten. 1926 kam das Kloster wieder in die Hände der Franziskaner. Heute werden Erhaltung und Verschönerung des Gebäudes von der „Obra Pia“ überwacht, einer Stiftung, die König Carlos III. 1785 ins Leben gerufen hat. Damals erhielt die Kirche auch den Titel einer Königskirche. 1963 erhob S. H. Papst Johannes XXIII. sie in den Stand einer Basilika minor.
Der Baustil der Kirche zeigt Klassizismus und die neoklassizistische Restaurierung. In der Fassade finden sich dorische und ionische Kapitelle, Pilaster, Halbsäulen und ein kleines Giebelfeld. Hinter der Fassade und noch vor der gewaltigen Kuppel ragen zwei Türme empor, die ein Carillon mit acht Glocken im rechten und elf Glocken im linken Turm beherbergen; es wurde im Jahre 1882 in London hergestellt.
Im Inneren ist die Kirche überreich ausgestattet, ausgemalt und vergoldet. Neben Skulpturen, Schmuck und Gemälden (stellvertretend sei Velasquez genannt) sei außer der Orgel noch die gewaltige Kuppel erwähnt. Sie erreicht zwar nicht den Durchmesser der Kuppel des Pantheons in Rom (43,40 m) oder des Petersdoms (42,34 m), ihr Durchmesser von 33 m übertrifft aber den der Kuppel des Invalidendoms in Paris (24 m), von St. Genevieve in Paris (27 m), der St. Pauls Kathedrale in London (32 m) und der Hagia Sofia in Istanbul (30,88 m).

Der Weg hinauf zur Orgel führt vorbei an Gemälden und Skulpturen. Man erreicht eine gewaltige Empore mit den Maßen von 21 ,90 m x 12,85 m, deren Fußboden mit Walnuss-, Mahagoni- und Ebenholzparkett belegt ist. Dagegen wirken die beiden an den Stirnseiten der Empore platzierten Orgelgehäuse fast zurückhaltend schlicht. Im vom Kirchenraum aus gesehen rechten Gehäuse finden wir die Orgel von A. Cavaillé-Coll. Das linke, gleich große Gehäuse ist ganz leer, die Prospektpfeifen sind nur aufgemalt.
Eine Großmutter von Aristide Cavaillé-Coll stammte aus Spanien. Er selbst sprach katalanisch und hatte mehrfach Kontakt mit der Heimat seiner Großmutter. Auch seine erste selbstständige Arbeit noch unter der Regie des Vaters führte er in Spanien aus. In einem Bewerbungsschreiben für ein anderes Projekt in Madrid empfahl er sich später damit, dass seine Orgeln in besonderem Maße für die Musik von Johann Sebastian Bach geeignet seien.
Möglicherweise hatte man die Orgel für Madrid in der Werkstatt in Paris schon im Jahr 1883 weitgehend fertiggestellt, denn das Signet im Bereich der Einführungstritte nennt dieses Jahr. Die Einweihung fand jedoch erst am 2. Mai 1884 statt.

Cavaillé-Colls Instrument ist eine zweimanualige Orgel mit 22 Stimmen. Davon finden wir 12 im Grand Orgue, 8 im Recit Expressif und 6 im Pedale. Mit Contrebasse 16′ und Bombarde 16′ besitzt das Pedale nur zwei eigenständige Pedalstimmen. Die Hauptwerkslade ist als Zwillingslade konstruiert, vier Register sind als Transmissionsregister mit Doppelschleifen und Rückschlagklappen auch im Pedal spielbar. Vier Register des Hauptwerks (G.O.) sind den Jeux de Combinaison zugeordnet, der registrierbaren festen Kombination, die durch den Appel (Einführungstritt) A.G.O. ein- und ausgeschaltet wird.

Aus dem Kirchenraum betrachtet steht die Orgel auf Sturz, ist also um 90° gedreht. Der Spieltisch befindet sich zentral freistehend vor dem Orgelwerk, mit Blickrichtung nicht zum Altar, sondern zum gegenüberliegenden zweiten Gehäuse. In die Traktur des l. Manuals und der Koppeln ist im Untergehäuse die Barkermaschine eingebaut, die des II. Manuals hat keine Barkerhebel.
Das Instrument ist, abgesehen von kleineren Reparaturen und einigen Teilen der Voix humaine 8′, vollständig original erhalten. Eine angeblich große ,Restaurierung‘ fand um das Jahr 2000 statt. Sie war zwar nur eine Reparatur, hatte allerdings katastrophale Folgen für den Gesamtzustand. Aus unserer ersten Bestandsaufnahme im Jahr 2006, als die Orgel nahezu unspielbar war, möchten wir beispielhaft folgende Feststellungen aufführen:

Ein neues, zu klein dimensioniertes Orgelgebläse.
Mangelhaft restaurierte Windladen mit Durchstechern, denen man durchgehend mit übergroßen Auslässen zu Leibe gerückt war.
Die gleichen Schäden lagen an den kleinen Windladen der Barkermaschine vor. Eine ,Ziehharmonikaverbindung‘ an den Bälgen war zwar noch aktiv, eine andere jedoch ausgebaut und in der Orgel deponiert. Als Ersatzverbindung waren drei Plastikkanäle von Dunstabzugshauben installiert worden.
Defekte Kondukten waren abgedichtet worden, indem man einen gelben Gartenschlauch überstülpte und die Anschlüsse mit Silikon oder Spachtelmasse abdichtete. Im Untergehäuse fanden wir Originalteile des Zungenregisters Clairon 4′, die durch Labialpfeifen ersetzt waren.
Weitere Beschädigungen am Pfeifenwerk, die man sich nach obiger Aufstellung leicht vorstellen kann.

Weniger als ein Jahrzehnt nach dieser ,Instandsetzung‘ war somit eine neue Arbeit notwendig, um die durch jene geschaffenen Mängel zu beheben und das Instrument wieder in einen optimal spielbaren und seinem Wert entsprechenden Zustand zu versetzen. Erste Arbeiten von uns erfolgten schon im Jahr 2006 an der Windversorgung. Die eigentliche Restaurierung konnte dann in den Jahren 2008 und 2009 durchgeführt werden.
Für unser Haus möchten wir dies als besonderen Glücksfall bezeichnen . Sicher träumt und beschäftigt sich jeder engagierte Orgelbauer im Laufe seines Berufslebens von und mit den Werken von Aristide Cavaillé-Coll und besichtigt, untersucht, vermisst und fotografiert sie. Aber dass man als (deutscher) Orgelbaumeister die Chance erhält, ein solches Instrument in weit tiefer greifendem Maße erkunden und restaurieren zu dürfen, möchte der Verfasser dieses Artikels für sich persönlich als eines seiner beruflichen ,Highlights‘ herausstellen. Schon 2004 durften wir die Orgel in Loffenau von 1856 restaurieren, eine der wenigen erhaltenen Orgeln von Eberhard Friedrich Walcker aus Ludwigsburg, wohl des größten Kollegen Cavaillé­ Colls (vgl. >Ars Organi< 2005 , H. 2). Dadurch war für uns die Chance für einen direkten Vergleich beider Orgelbauer gegeben. Von diesen Erfahrungen profitiert unter anderem unser Orgelneubau in der Schlosskirche zu Chemnitz (III/48) im Stile und mit in Frankreich erworbenen Originalteilen von Cavaillé-Coll, der voraussichtlich im Jahre 2011 fertiggestellt werden wird.

Die Anlage der Orgel in Madrid ist folgende: Hinter dem Prospekt finden wir die in C- und Cis-Seite geteilte Zwillingslade für Grand Orgue und Pedale, dahinter die nicht ganz so breite Windlade des Recit, die leicht erhöht angeordnet ist, und abschließend die Großpedallade mit den beiden selbständigen Pedalregistern. Auf allen vier Seiten des Schwellkastens sind Stimmgänge, so dass alle Pfeifen sehr gut zum Stimmen zugänglich sind.

Detailfragen der Restaurierung
Es wäre zu umfangreich, alle Restaurierungsschritte im Detail aufzulisten, doch sei zu den Konstruktionsdetails von Cavaillé-Coll und den durchgeführten Arbeiten einiges angemerkt.
Zur Windversorgung: Man benutzte im Laufe der Zeit sehr unterschiedliche Systeme. Original und noch funktionierend sind die vier Schöpfbälge, mit denen zwei Kalkanten per Trethebel Wind in den ersten Magazinbalg pumpen können. Die Schöpfvorrichtung ist restauriert und weiterhin im ursprünglichen Zustand in Betrieb. Mit Anschluss an das elektrische Stromsystem bekam die Orgel einen ersten Motor. Dieser funktionierte jedoch nicht wie heutige Schleudergebläse, sondern trieb über einen Riemen eine Welle an, die über Pleuelstangen einfältige Schöpfbälge bewegte, die den Wind erzeugten. Die Funktionsweise ähnelt einem Sternmotor. Dieses System muss sehr laut gewesen sein, weshalb es ein paar Etagen höher in einer Turmkammer aufgestellt wurde. Es versorgte die Orgel über eingemauerte Rohre mit Wind. Dieser Motor wurde dann mehrfach durch Schleudergebläse ersetzt, die Apparatur mit den Bälgen ist aber noch vorhanden. Im Übrigen hat Cavaillé-Coll hier denselben Winddruck für alle Windladen und auch keine Winddrucktrennung für Bass und Diskant verwendet.

Bleioxydation, sog. Bleizucker: Vor allem an den Bleikondukten fanden wir bei der Restaurierung vermehrt Bleizucker, insbesondere an Stellen starker Kaltverformung. Hundert Jahre lang gab es an dieser Orgel dieses Problem nicht. Die Ursachen sind ungeklärt. Unserer Vermutung nach muss sich an der Luft etwas verändert haben. Dies könnten Umwelteinflüsse von außen sein, es könnte aber auch mit Renovierungsarbeiten der letzten Jahrzehnte zusammenhängen, aufgrund deren neu eingebrachte Materialien (Putz, Farben, etc.) langsam in den Kirchenraum ausdünsten. Die betroffenen Stellen konnten nur durch Einlöten neuen Materials wiederhergestellt werden. Pfeifen waren wegen des höheren Zinnanteils nicht betroffen.

Die Barkermaschine: Der Barker (hinter Glastüren) funktionierte noch erstaunlich gut. Auf den ersten Blick überraschten aber die ungewöhnlich starken Geräusche, die man von gut einregulierten Barkermaschinen nicht gewohnt ist. Die Tonbälge waren alle bei der letzten Restaurierung neu beledert worden, wodurch die Funktion gewährleistet war. Allerdings waren die Ventilböden gerissen, so dass nur weit aufregulierte Auslässe die Funktion ermöglichten. Das erklärte die Windgeräusche, machte aber auch eine umfassende Restaurierung nötig. Alle Risse wurden geschlossen und die Ventile auf dem wieder ebenen Ventilboden aller Einzelladen auf präzise Funktion und Dichtigkeit einreguliert.

Windladen: Ein ähnliches Bild wie der Barker gaben auch die Windladen ab. Vermutlich durch die starken Klimaschwankungen der Jahreszeiten bedingt, waren auch hier entlang der gesamten Windladen Risse aufgetreten. Auch die bei der letzten Restaurierung angebrachten bis zu 25 mm großen Auslässe brachten keine zuverlässige Verbesserung, sondern nur zusätzliche starke Windgeräusche. Die Risse traten vor allem in den Fundamentplatten auf und lösten diese teilweise komplett von den Schieden ab. Hier mussten wir im Hinblick auf die langfristige Funktionsfähigkeit der Orgel größere Eingriffe durchführen, trotz größtem Respekt vor der historisch wertvollen Substanz. Da auch in Zukunft starke Klimaschwankungen zu erwarten sind, wurden die Risse mit elastischen Dehnungsfugen aus Leder geschlossen, so dass die Windladen in Zukunft besser auf Schwund und Ausdehnung des Holzes reagieren können.

Tontraktur: Hier hatte man über Jahrzehnte hinweg immer wieder reguliert und defekte Teile durch gerade verfügbare Materialien ersetzt mit ungenügendem Ergebnis. Dies war der Zustand vor unseren Arbeiten. Wir konnten durch Wiederherstellen der Trakturdrähte, Abstrakten, Pulpeten usw. in originaler Bauform eine gute Funktion ermöglichen. Wenn man sich in Zeit und Denkweise des Erbauers zurückversetzte und in seinem Sinne alle Winkel, Wellenbretter, Koppeln, Barkerhebel und Tasten einregulierte, ergab alles wieder einen Sinn und funktionierte mit der Präzision, wie man sie von Cavaillé-Coll-Orgeln gewohnt ist und erwartet.

Zum Klang: Auch in Madrid haben es die Intonateure von Cavaillé-Coll verstanden, die Mensuren der Pfeifen optimal auszuintonieren. Über etwas flachere Kernschrägen (Principale u. Streicher 55°, Flöten 45°) wird mehr Wind in die Pfeifenkörper geführt, wodurch der Klang trotz der höheren Aufschnitte kernig und charakteristisch ist. Weiter trägt eine stabile Windversorgung zu dem Klangergebnis bei.
Das Orgelwerk scheint mit 22 Stimmen für die gewaltige Kuppelkirche und ihr Raumvolumen eher unterdimensioniert. Basierend auf einem Winddruck von 90 mm WS auf allen Windladen und einer durchaus kräftigen und gravitätischen Intonation kann sich das Instrument jedoch im Raum hervorragend durchsetzen. Nicht zuletzt durch den großen Nachhall entsteht ein gewisser Kathedraleffekt, der vom Raum heraus ein wesentlich größeres Orgelwerk mit vielleicht 40-50 Stimmen vermuten lässt (wäre das linke leere Gehäuse mit einem gleichgroßen Werk besetzt, hätte man ja schon die Gesamtzahl von ca. 50 Stimmen zur Verfügung).

Die Franziskaner sagen, San Francesco el Grande sei die schönste Kirche in Madrid. Dem möchten wir nicht widersprechen, allerdings besitzt sie für uns auch eines der wertvollsten Orgelwerke Spaniens, welches leider zu wenig bekannt ist. So wünschen wir uns auch eine stärkere konzertante Nutzung dieses besonderen Musikinstruments im Rahmen dieses Gesamtkunstwerks Kirche.

 
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DISPOSITION

I. Manual – Grand Orgue C-g‘‘‘

Jeux de fonds

1. Bourdon 16’
2. Montre (c-136) 8‘
3. Bourdon 8‘
4. Flûte Harmonique 8‘
5. Salicional 8‘
6. Violoncelle 8‘
7. Prestant 4‘
8. Flute Douce 4‘

Jeux de combinaison

9. Plein Jeu 5 Rangs 2‘
10. Basson 16‘
11. Trompette 8‘
12. Clairon 4‘

II. Manual – Récit Expressif C-g’’’

13. Flûte Traversière 8’
14. Viole de Gambe 8’
15. Voix Céleste 8’
16. Flûte Octaviante 4’
17. Octavin 2’
18. Voix Humaine 8’
19. Trompette 8’
20. Basson et Hautbois 8’

Pédale C-f’

21. Contrebasse 16’
22. Bombarde 16‘
23. Soubasse 16‘
24. Basse 8‘
25. Bourdon doux 8‘
26. Basson 16‘